Die Wanderung

Die Wanderung

Kurzgeschichte

 

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Sie waren seit Stunden schweigend nebeneinanderher gegangen, nun sassen sie auf der Bank, die einer Alpinistin aus England gewidmet war. Sie packten ihre Eingeklemmten aus. Schwarzbrot. Er mochte Salami, sie Käse. Beide mochten Butter. Hagebuttentee mit Zitrone war Pflicht, seit die Buben da waren. Früher hatten sie einen gemeinsamen Flachmann dabei und waren stolz, mit ein paar Schlückchen Schnaps und einer Tafel Milch-Schokolade eine fünfstündige Tour zu schaffen.

 

Sie hatten sich sehr geliebt.

 

Gedörrte Aprikosen. Sie hätte nicht die sauren kaufen sollen. Ungeschälte Mandelkerne dazu. Der Geruch von Tupperware.

 

Sie sah sich an der Party bei Monika; es war viel gelacht worden, die Nachbarinnen hatten anzügliche Witze gemacht und Andeutungen, als sie die Deckel auf die Kunststoffgefässe drückten. Sie hatte mitgelacht. Hatte sie anders gelacht als sonst? War sie aufgefallen? Hatte man ihr angemerkt, dass sie daran dachte, ihr letztes Lachen in ein Tupperwareteil einzuschliessen?

 

Sie hätte das eingeschlossene Lachen geschüttelt, wenn ihr danach war, hin und her, rauf und runter, sie hätte es mit unregelmässigem Klopfen terrorisiert, es behandelt wie einen eingeschlossenen Geist, der die falschen Wünsche erfüllt hatte. Sie hätte das letzte Lachen durch die durchsichtige Plastikwand ausgelacht, oder sie hätte das Teil mit dem gefangenen Lachen weggeworfen. Tupperwarebehälter waren so unglaublich hässlich, weil sie so unglaublich praktisch waren. Sie war auch so unglaublich praktisch, und sie war hässlich geworden. Seit sie das gemerkt hatte, blickte sie nicht mehr in den Spiegel. Sie blickte den Leuten nicht mehr ins Gesicht.

 

Als sie auf der Bank sassen, überraschte sie ihn mit einer Toblerone. Er biss auf die Unterlippe, nickte, brach einen Riegel ab. Sie dachte an die Werbung, an das Dreieck, das sich im Gesicht abzeichnete, ein kleiner perfekter Hautberg stach aus der Wange; ein komischer Effekt. Sie mochte die Werbung.

 

Sie atmete laut durch die Nase. Er erschrak. Da nahm sie sein Knie zwischen Daumen und Zeigefinger und kniff ihn kurz. Es ist nicht gegen dich gerichtet, dieses Atmen, hiess das. Nimm noch ein Stück Toblerone, hiess dieser Griff. Wir sind verheiratet, und du bist mein Freund, hiess der Griff. Mein Gott, wir schaffen das 2 nicht, hiess der Griff. Gott, du hast uns verlassen, hiess der Griff. Wir müssen es den Kindern sagen, hiess der Griff.

 

Er brach sich ein weiteres Stück Toblerone ab. Als er kaute, dachte sie: Ist es wahr, dass er mich verlässt? Muss ich mich schämen? Werde ich sterben?

 

Er kaute am sperrigen Dreieck; es war zäh und süss. Schmeckte er den Honig heraus? Oder Karamell? Als Kind hatte er Woche für Woche seine zwanzig Rappen am Kiosk abgegeben; er liebte die Karamellstreifen, die sich an den Backenzähnen festsetzten und an den Plomben zogen. Später hatte er der Schokolade selten widerstehen können, Toblerone nie.

 

Er dachte an die erste Begegnung mit einem Mann in der Sauna. Seine Frau hatte ihn gefragt, wo er gewesen sei. Er hatte gelogen. Was hatte er gesagt? Er erinnerte sich nicht. Denn es hatte nichts zu bedeuten. Er hatte ihr erklärt, dass es nichts zu bedeuten hatte. Ja, sagte sie. Ja, das habe ich verstanden, sagte sie. Es hat nichts zu bedeuten, ausser, dass du stirbst.

 

Er packte zusammen. Sein Rucksack war grösser. Sie trug in ihrem die beiden alten Regenjacken. Beide waren blau, eine war etwas heller. Gute Qualität. Der Preis liess sie damals im schönen Sportgeschäft zusammenzucken. Aber es hatte sich gelohnt. Sie hatte die Jacken dementsprechend behandelt, sie waren gut imprägniert, sorgfältig im kleinen Täschchen, das sich ausstülpen liess, verstaut. All die Jahre.

 

Sie waren aufgestanden, gingen weiter. Der Weg wurde schmal, sie gingen hintereinander. Sie ging voran. Sie ging immer voran, weil er sportlicher war. Weil er sportlicher war früher. Jetzt hätte er voran gehen müssen. Aber sie sagte nichts, ging langsam, im Berglerschritt, der keiner mehr war. Es war ein anderer Schritt. Es war ein Rhythmus, den kein Mensch lange durchhält. Sie wusste, dass sie es nicht zum Gipfel schaffen würden. Nie im Leben.

 

Er keuchte. Aber sie hielt nicht an, sie wusste, dass er das nicht wollte. Sie wusste, was er alles nicht wollte. Sie wusste alles. Da griff er nach ihr. Er hielt ihre Hand. Sie drehte sich um, schaute zum Himmel. Über ihnen zog ein Raubvogel seine Runden. Es war ein Bussard. Sie standen da und schauten ihm zu; er war atemberaubend schön.

 

3 Sie hatte gerne gekocht, sein Lieblingsessen waren „Knöpfli“, hausgemacht. Die Buben mochten die Knöpfli auch. Einer hatte sie als Geburtstagsessen gewünscht. Vielleicht wollte er auch dem Vater eine Freude machen; er bewunderte den Vater sehr. Sein Vater war ein guter Vater.

 

Sie hatte für alle Knöpfli gemacht. All die Jahre.

 

Sie drückte seine Hand. Er sprang. Sie hielten sich bei der Hand. Die Geröllhalde geriet in Bewegung. Sie schrien. Der Schmerz war überall. Steine.

 

Sie mussten sich losgelassen haben, als es kein Oben und kein Unten, kein Du, kein Ich mehr gab. Als er die Augen öffnete, merkte er, dass sein Rucksack und ein Schuh weg waren, seine Beine voller Blut. Sie lag ein paar Meter weiter unten.

 

Beide weinten.