Vor der Hantel sind wir alle gleich

Vor der Hantel sind wir alle gleich

Es ging eine Weile, bis das Gerücht, der Himmel sei leer, ins Bergdorf gelangte. Aufgeklärte Menschen hätten das göttliche Personal ausgeschüttelt, hiess es, wie die Federn aus den Pfulmen von Frau Holle. Aufgehoben die Hierarchien der Engel, das Paradies geschrottet. Weder Erlösung noch Trost, keine Hoffnung auf ewiges Leben blieb übrig, keine poetische Anleitung aus dem Nichts, keine grosse Erzählung, um Leiden und Tod Sinn zu geben, um all das, was unverständlich oder geheim bleibt, in Rituale zu kleiden.

 

Wer trägt uns jetzt? Wer trägt uns möglichst zweckbefreit und unverdächtig, dafür kräftig, fotogen und ewigjung? Unsere Beine. Sie sind Teil unseres Körpers, und der ist immer da. Wer immer da ist, wer nie im Digitalen verschwindet, wer dasteht wie der Fels, auch nach dem alten Gott, nach der Religion von Sklaven und Mägden, von Lilien auf dem Felde, nach dem bürgerlichen Kosmos mit Ehe, Familie, Geschlecht, Tradition und Geschichte, nach Bildung und Wissen, wer jeder Textkritik und jeder Party standhält, der muss Gott 2.0 sein.

 

Am Tag, als die Kirche zuging, ging das Fitnesscenter auf. Die Metaphysik wechselt die Seite.

„Exerzitien für Götter ohne Gott. Flagellanten angenehm.“ Man ist hier traditionsbewusst. Bewährt sadomasochistisch zelebrieren die Fitness-Puritaner Anbetung und Vernichtung des mageren Fleisches. Wer richtig trinkt und isst, acht Stunden schläft, die Turnschuhsohlen sauber hält, drei bis fünf Mal wöchentlich den Gottesdienst besucht, gerne auch die Frühmesse als Akt der Reinigung für den Werktag, wer den Katechismus und die allgemeine Lehre befolgt, die Gewichtsscheiben verräumt wie einst die Gesangsbücher nach der Predigt, der wird Teil des Olymps und der Prozession dahin, für 980 Franken im Jahr.

 

In schwarz-weiss gestreiftem Ornat strömen sie in den Fitnesstempel, Körpergott an Körpergöttin. Die Trinkflaschen tragen sie vor sich her wie eine Monstranz. Das Wasser darin ist geweiht mit der Ampulle L-Carnitin für purifizierndes Schwitzen, für Muskeldefinition gegen den teuflischen Widersacher „Fett“. Der Griff nach der Flasche, das Klicken, Schrauben, Schlucken, schreibt sich mantrisch in den aufgewärmten Leib, wie die Litanei der Gewichte – neun Wiederholungen, drei Serien -, die jetzt beginnt.

 

Den Perlen des Rosenkranzes nach: eins, zwei, drei. Rhythmus freut den Körper, Disziplin stärkt ihn. ora et labora. Im Schweisse seines Angesichts, unter Mühen verrichtet der Olympier den getakteten Workout. Dazu fixiert er einen Punkt in der Höhe, zum Beispiel die Deckenleuchte. Eins, zwei, drei, ich schau hinauf zu dir, Deckenleuchte, du ewiges Licht für diese Übung. Dann bekreuzigt er sich, er wischt sich die Stirn ab, testet Brustmuskel und Schulter. Die Resultate schreibt er auf, er legt Zeugnis ab in einem Protokoll. Er beichtet, wenn er nur zwei Serien geschafft hat. Er ruft die Heilige Dreifaltigkeit an – Smartphone, Waage, Badge -, ihm zu vergeben. Die sagt nichts.

Die Community vergibt. Schon im Hey und Hallo beim Eintritt steckt das Ego te absolvo, nach dem der Sünder sucht. Hier weiss jeder, manchmal versagt auch ein Gott. Im Fitnesscenter steht man zusammen, Ich an Ich, Fetisch Fleisch an Fetisch Fleisch, verschworen wie die Urchristen. Auch der Kraftsport begann in den Hinterhöfen, auch er schätzt den Fisch – als Lieferanten für Protein.

 

Der Habitué grüsst über Generation, Milieu und Ethnie hinweg. Sein Hey und Hallo integriert, wen er annimmt. Die Guten und die Bösen, geistig Arme, verlorene Söhne, Martas, Marias, die Blinden und die Lahmen (mit Physiotherapeut), Huren, Zöllner, Philister, Frömmler, die Liga der Anorektischen mit Hoffnung auf Vision. Alle unter einem Dach, statusbefreit. Schwitzender Mensch unter keuchenden Menschen. Rechtsanwälte, Journalistinnen, die, die auf dem Bau ächzen, Schüler. Ab und zu stösst ein Theologe dazu.

 

Die Geschlechter trennen sich freiwillig, nicht mehr nach der Seite der Kirchenbank. Männer sind an den Gewichten, Frauen an der Cardiomaschinerie, auf Laufband, Stepp und Ruderzug. Nur die Hiobe mit einem Body Mass Index ab 35 versuchen, ihr trübes Schicksal mit dem Fahrrad abzuwenden.

 

Lasst uns als Gemeinschaft der Gläubigen den Dämon überwinden. Der Exorzismus beginnt zum höllischen Sound von Radio Energy. Lasst uns opfern auf dem ambulanten Bankaltar, nach der Langhantel greifen, dem neuen Joch. Wir beugen das Knie beim Squatten. Wir feiern die Kreuzheben, mit Deadlifts sind wir dem Tode nah. Lasst uns den Sixpack mit Aufrichter formen, das Rückgrat stärken, so wir die Lasten besser tragen. Lasst uns das Gerät des Parcours durchlaufen, die Wiederkehr des Ewiggleichen preisen in Spannung und Erlösung.

 

Mein Körper ist mein Tempel? Der Selbstbräunungsleib geht zu seinem Tempel, dort wird ihm gehuldigt, dort wird er genährt. Bei optimalem Tonus wird er schwer und dicht, ein goldenes Kalb, nicht aus Ohrringen zusammengeschmolzen, alles Gold geht über in Fleisch und Blut. Inkarnierte Hingabe, Treue und Entsagung, inkarnierter Fokus.

 

Es gibt kein falsches Leben mit der richtigen Muskulatur.

Die topfitten Derwische tanzen ohne Vertikale, der Blick geht zum Spiegel und zurück, sie tanzen um sich selbst und um die, deren Bizeps so schnell wächst wie das YouTube-Video versprochen hat, umringt von Marktschreiern, falschen Propheten und cleveren Wahrsagern. Nicht nur Maca wird täglich auf die Zunge gelegt wie eine Hostie, gespült mit dem veganen Smoothie, es darf auch Creatine sein oder eine rote Pille aus einer Fabrik, die im Internet nicht näher beschrieben wird.

 

Nach dem Gottesdienst legen die Götter einen Franken in die Kasse bei der Kanzel, sie zücken den Messlöffel mit dem Proteinpulver ihres Vertrauens, lassen es im Kelch verrühren. Das Geräusch des Mixers wird zum transformierenden Glockenklang, der Personal Trainer an der Theke ministriert. Die Transsubstantiation, die die magische Suppe aus dem Knochenmehl Jesu und Quellwasser in neue Masse übersetzt, knistert im Fleisch, dort, wo Belastung und Schmerz wirkt. Dort, wo der Bluttransport sichtbar ist, wo die Adern hervortreten, verwandelt sich das lebendige Fleisch.

 

Schau her, ich habe nichts zu verbergen, ich bin eine unschuldige Seele, wächsern wie eine Kerze, transparent wie das haut- und haarlose Präparat aus Gunther von Hagens Körperwelt. Ich bin mein transzendentes Projekt.

Der Blick des Olympiers ist jetzt rein, er schlendert mit lauterem Herzen zum Ausgang. Er hat im Training Vergänglichkeit und Vanitas anerkannt. Er weiss, Blumen verblühen, Fleisch welkt, aber er spricht nicht davon. Er ignoriert irdisches Gesetz aktiv, setzt das Werk an sich selbst, die Kunst am Bau, morgen fort. Er ist connected mit sich, er spürt sich, er kann jeden Muskel ansteuern. Das nimmt ihm keiner. Gepanzert wie ein Ritter trotzt er aller Unbill. Gegen das Erdbeben in Amatrice kann er nichts tun, nichts gegen das Elend in Aleppo.

 

Das Drehkreuz beim Ausgang segnet ihn. Komm gut Heim, komm bald wieder!